Die Super Yummy

01.05.2016

Interview aus dem Magazin 2016        > Weitere Artikel im Magazin 2016 lesen
Geführt durch:  Andreas Schmidt

Sie weiss, wie man Kinder dazu bringt, Grünzeug zu essen und wie man ausgewogene, kindergerechte Mahlzeiten auftischt: Inge Gane von «Fourchette verte – Ama terra» zeichnet Institutionen für ihre ausgewogene Ernährung aus.

 

Erklären Sie doch in einem Satz, was «Fourchette verte – Ama terra» tut respektive was Ihre Aufgabe ist.

Dazu muss ich nun doch etwas ausholen. «Fourchette verte» ist ein Gesundheitslabel, das verliehen wird. Um das Label zu erhalten, müssen interessierte Betriebe, die eine Gemeinschaftsverpflegung anbieten, ein ganzes Bündel von Kriterien umsetzen. «Fourchette verte» wurde 1993 vom Sozial- und Gesundheitsdepartement in Genf entwickelt und im Januar 1996 wurde ein Verein gegründet. In diesem Jahr stiess der Kanton Thurgau dazu. Wir werden unterstützt von der «Gesundheitsförderung Schweiz» und der «Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE».

Bei «Fourchette verte – Ama terra» gibt es eine Kommission, die über die Auszeichnung entscheidet. Ich arbeite im Vorfeld mit der jeweiligen Institution eng zusammen und begleite diese bis zur Auszeichnung. Wenn eine Institution soweit ist, mache ich dann den Vorschlag an die Kommission zur Auszeichnung. Die Auszeichnung gilt für 1 Jahr. Neu gibt es auch ein Testessen, bei dem ich natürlich angekündigt z. B. in einer Kinderkrippe oder einem Mittagstisch vorbeikomme und mitesse.

Dabei schaue ich aber nicht nur auf die Zusammensetzung des Menüs, sondern auch, ob die Produkte saisonal gekauft wurden, woher die Nahrungsmittel kommen und ob sie besonders ökologisch angebaut wurden. Zusätzlich ist uns aber auch der Ablauf des Mittagessens wichtig, also ob es beispielsweise Rituale gibt.

 

Weshalb benötigt es Ihr Angebot? Ernähren wir uns nicht gesund genug?

Nun leider ist es tatsächlich so, dass Statistiken in der Vergangenheit zeigen, dass die Übergewichtsrate immer noch leicht zunimmt und viele sich ungesund ernähren – zu süss, zu salzig und zu einseitig. Deshalb will man bereits bei den Kindern ansetzen, möglichst früh, also in Kitas, in den Horten und überall dort, wo Kinder und Jugendliche in Institutionen ernährt werden. Das Vorgehen für eine Labelverleihung ist wie folgt:

In einem ersten Schritt meldet sich die Institution an und schickt mir ihre Menüpläne. Dann ist es wichtig, dass ich herausfinde, was selbst gekocht und was fertig eingekauft wird. Wurstwaren, wie zum Beispiel Bratwurst, sind meistens bereits verarbeitet und deshalb nicht allzu gesund. Ich achte ausserdem darauf, dass die Menüplanung ausgeglichen ist. Spaghetti mit Tomatensauce hat beispielsweise eindeutig zu wenig Proteine. Wenn dann das Kind den Parmesan nicht mag, dann bekommt es unter Umständen gar keine Proteine an diesem Tag. Da muss man dann aushelfen mit Salaten, angereichert mit Käsestückchen, Feta oder auch Hülsenfrüchten. Hülsenfrüchte sind überhaupt sehr gesund, preisgünstig und leider etwas in Vergessenheit geraten. Weiter schaue ich, wie viel Obst und Gemüse pro Tag abgegeben wird. Oft sind Znüni und Zvieri zu süss. Ein Stück Kuchen oder ein Guetsli – das ist kein Zvieri.

Mit diesem Hintergrundwissen treffe ich mich als nächstes zu einem ersten Gespräch und organisiere dann eine Schulung für die Mitarbeiter, wo ich genau diese Punkte anschaue. Sehr wichtig ist es mir dabei, dass ich dann mit dem Team ganz praktisch koche. Denn sie müssen selbst probieren, schmecken um etwas gerne zu essen, damit sie es auch umsetzen. Oft werde ich auch für ein Referat zu Elternabenden eingeladen, wo ich «Fourchette verte – Ama terra» vorstelle, um das Thema den Eltern ans Herz zu legen. Ausserdem schaue ich mit den Eltern wichtige Knackpunkte wie Geburtstagskuchen an. Meistens haben in Institutionen mehrere Kinder pro Woche Geburtstag und wenn dann jedes einen riesigen Kuchen mitbringt, dann essen die Kinder jeden Nachmittag zum Zvieri Kuchen. Alternativ können kleinere Kuchen gebacken und dafür noch gesundes Obst mitgegeben werden.

In einem dritten Schritt kommt eine Art Experimentierphase der Umsetzung. Wenn eine Institution mehr Vollkornprodukte einbringen sollte, dann schauen wir, wie das am besten umgesetzt werden kann. Beim Frühstück mit Vollkornbrot oder beim Mittagessen mit Vollkornnudeln? Dazu muss man ausprobieren und schauen, wie die Kinder mitmachen. In dieser Phase stehe ich mit Rat und Tat zur Seite, helfe aus mit alternativen Rezepten und schaue, wie wir die Knackpunkte lösen können.

Wenn die Institution denkt, dass sie soweit ist, schickt sie mir zum Abschluss nochmals ihre Menüpläne zu, die nun meistens sehr viel ausgewogener sind. Danach schreibe ich einen Bericht für die Kommission, die dann in einer Sitzung Fragen stellen kann. In der Folge kommt es meistens zur Auszeichnung, die im Kanton Thurgau sogar der Regierungsrat unterschreibt. Die Institution bekommt eine Vignette, die sie an prominenter Stelle anbringen darf und soll. Oft ist das ein Grund zur Feier und ich übergebe die Auszeichnung auch gerne in einem feierlichen Akt.

 

Können Sie an einem konkreten Beispiel erklären, wie Institutionen auf Sie aufmerksam werden?

Im Kanton Thurgau ist «schnitz und drunder» bzw. «Fourchette verte – Ama terra» recht bekannt. Insgesamt sind es bereits 30 Institutionen, die sich auszeichnen liessen. Das zieht natürlich Kreise. Unser Projekt wird ausserdem vom kantonalen Aktionsprogramm «Thurgau bewegt» unterstützt und empfohlen. Ich selber mache auch aktiv Werbung und versuche nicht nur kleinere Kinder, sondern auch Jugendliche und angehende Institutionsmitarbeiter zu erreichen. Deshalb bin ich nun auch an Berufsschulen anzutreffen, wo ich «Fourchette verte – Ama terra» bei den neuen Fachfrauen/Fachmännern Betreuung Kleinkind vorstellen darf.

 

Was ist der meistgegebene Tipp, die meistgegebene Hilfestellung, die Sie Institutionen geben?

Es ist wichtig, dass sich die Mitarbeiter als Vorbilder verstehen. Es geht beispielsweise nicht, dass man den Kindern gesundes Essen ans Herz legt, in der Pause aber nach draussen geht und vor den Kindern raucht und ein Red Bull trinkt. Viele Kinder verbringen heute sehr viel Zeit in Krippen und Kindertagesstätten. Deshalb erlernen sie dort auch oft die Esskultur.

 

«Am allerwichtigsten sind die Eltern. Sie sind die wichtigsten Vorbilder.
Wenn Eltern zu Hause nicht gemeinsam am Tisch essen und keine Rituale pflegen,
dann prägt dies das Essverhalten eines Kindes negativ.»

 

Ihr Name bedeutet übersetzt grüne Gabel. Was ist Ihr Geheimrezept, um Kinder und Jugendliche zum Grünzeugessen zu bewegen?

Am allerwichtigsten sind die Eltern. Sie sind die wichtigsten Vorbilder. Wenn Eltern zu Hause nicht gemeinsam am Tisch essen und keine Rituale pflegen, dann prägt dies das Essverhalten eines Kindes negativ. Es ist wichtig, dass man während des Essens auch nicht am Laptop oder mit dem Handy hantiert, sondern zusammen Zeit verbringt und zusammen isst. Ebenso sollten die Eltern ihr Kind auch von allem probieren lassen und selber als Vorbild davon essen. Wenn ich selber keinen Salat esse, dann ist es schwierig, mein Kind dazu anzuhalten. Es hilft auch nichts, wenn ich dem Kind sage, es sei gesund. Das heisst nichts und bringt ein Kind nicht dazu, davon zu essen. Ausserdem empfehle ich Eltern, gemeinsam mit den Kindern einkaufen zu gehen. Man muss die Eltern und auch die Institutionen sensibilisieren und hinterfragen, was sie eigentlich einkaufen oder wie weit Lebensmittel gereist sind. Kinder nehmen diese Informationen sehr schnell auf und sagen dann auch im Supermarkt, was man besser einkaufen soll und was nicht. Es gibt Institutionen die haben dazu interessante Projekte durchgeführt, indem sie z. B. beim Bauern auf dem Kartoffelfeld die liegengelassenen Kartoffeln, also die Nachlese, aufsammeln durften. Andere Institutionen pflegen einen eigenen Garten, wo Kinder mithelfen dürfen. Wenn Kinder selbst etwas gepflückt, gewaschen und gekocht haben, dann wollen sie auch unbedingt probieren. Eine gute Sache ist beispielsweise auch, Haselnüsse pflücken zu gehen, sie aufzuknacken, sie zu verarbeiten und dann zu essen. Man kann die verschiedenen Nussarten so kennenlernen. Nüsse sind ja sehr gesund und meistens sehr hart. Da können Kinder das Kauen üben. Eine weitere Institution hat einen Dörrapparat gekauft und die Kinder sind total begeistert davon, selber zu dörren. Sie können es jeweils kaum erwarten, davon zu essen.

 

Ein spezieller Tipp zu Nahrungsmitteln?

Wenn Kinder eine Frucht, z. B. Trauben, einfach nicht probieren wollen, kann man eine einzige Traube auf einen Zahnstocher stecken und ins Tiefkühlfach legen, danach wollen alle probieren. Oft ist es auch eine Frage der Optionen, die man gibt. Wenn man Kindern gesunde Esswaren in Schälchen separat reicht, und sich jedes Kind selber bedienen kann, dann probiert es viel eher – das gilt auch für das Frühstücksmüesli. Oft gibt es den Effekt, dass plötzlich alle probieren wollen, wenn einmal ein Kind zu probieren beginnt. Bei «schnitz und drunder» hat man ausprobiert, ob die Kinder Naturjoghurts ohne Zucker und nur mit Früchten essen. Anfangs sagten alle, das geht nicht. Die Kinder hatten kein grosses Problem mit der Umstellung – wenn eine gute Alternative angeboten wird. Die Erwachsenen hatten da eher ein Problem. Auch die Rituale kann man auf verschiedene Weise pflegen. In einer Montessori-Institution durften die Kinder immer zu zweit die Dekoration der Tische übernehmen. Plötzlich entstand dann ein richtiggehender Wettbewerb, wer die schönste Dekoration schafft. Die Kinder gingen eifrig nach draussen, um Blumen zu pflücken.

 

Die Ausgabe unseres Magazins kommt in diesem Jahr unter dem Titel «Rezepte fürs Leben» daher. In Sachen Essen: Was ist Ihr Lieblingsrezept?

Ich esse gerne saisonal. Im Winter Suppen und Gemüse, im Sommer Salate. Ausserdem mag ich die asiatische Küche und koche gerne mit Soja, Fisch, Koriander und Zitronengras.

 

Und Ihr persönliches Rezept fürs Leben?

Das ist eine sehr philosophische Frage... Ich würde sagen, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind. Probleme nicht verdrängen. Nicht verschönern auch nicht schlecht reden. Sie einfach so zu nehmen, wie sie sind und zu versuchen, das Problem aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Ausserdem zu wissen: Es gibt immer eine Lösung. Manchmal ist sie auch schon da, die Frage ist nur, will ich sie auch hören bzw. sehen!

www.fourchetteverte.ch